Drei parlamentarische Anträge, die die Fraktion nicht wollte.

2013-12-08-17.05.53Ich mag es nicht, mich öffentlich nach „innen“ zu beschäftigen. Öffentlich möchte ich lieber nach außen wirken. Euch wird aufgefallen sein, dass ich bislang nicht über pirateninterne Geschehnisse blogge, über Vorstände oder Fraktionskollegen, die Fraktion, was sie machen oder lassen soll und wie.

Das mit der Transparenz politischer Prozesse liegt mir am Herzen. Vor allem dann, wenn die politischen Prozesse mal nicht so optimal laufen. Dann hingegen ist es fair, wenn ich auch auf innerfraktionelle Prozesse, die meines Erachtens suboptimal funktionieren, diese Transparenz anwende. Zumindest, wenn Bemühungen, es zu thematisieren, nicht fruchten. Also werde ich meinem Vorsatz untreu.

In der vergangenen dienstäglichen Fraktionssitzung wurden – teils im öffentlichen, teils im nichtöffentlichen Teil – die Anträge für die kommende Plenarwoche durchgesprochen und abgestimmt.

Über mich sind insgesamt fünf Anträge gekommen, die zur Diskussion standen. Drei dieser Anträge wurden von der Fraktion nicht angenommen. Ich möchte sie Euch dennoch hier vorstellen.

• Es lag durch mich ein Haushaltsantrag vor, in dem gefordert wurde, den Etat 2014 des Verfassungsschutzes NRW 1 Million Euro zu mindern. Dies deckt sich durchaus mit unserer Beschlusslage, Verfassungsschutz langfristig abzubauen und die geheimdienstlichen Tätigkeiten einzustellen.

Mit dieser Million soll das Land NRW Bemühungen unterstützen, in NRW abhörsichere Software und Sicherheitssoftware auf Open Source Basis zu fördern. Damit könnte sich NRW an die Spitze der Entwicklung setzen, die ja nach Software verlangt, die nicht von der NSA verseucht wurde.

Wurde mehrheitlich abgelehnt. Begründung: Zahlen lägen jetzt nicht vor, kämen im (geheimen) Ausschuss auf den Tisch, Antrag würde eh abgelehnt etc. Schaut es Euch im Stream an.

• Ein weiterer Antrag sollte sich polemisch-ironisch mit dem Koalitionsvertrag und den „Erfolgen“ der Verhandlungen durch Mitglieder der Landesregierung und der Oppositionsführung beschäftigen. Der war natürlich extra provokativ.

Als sich im Meinungsbild abbildete, dass sich keine Mehrheit findet, habe ich auf die Abstimmung verzichtet. Begründungstenor: Kein Landesbezug, daher mutmaßlich nicht zulässig, zu polemisch etc. Wir würden den „Pfad der Glaubwürdigkeit“ verlassen. Kann man ebenfalls im Stream nachsehen. Diesem Antrag möchte ich noch einen separaten Blogpost in ein paar Tagen widmen.

• Der dritte Antrag war erst in der Nacht zuvor entstanden. Es ging um den Aufruf „Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter“ durch 560 Schriftsteller aus 83 Ländern. Ich wollte die Landesregierung auffordern, diesen Aufruf auf allen Ebenen zu unterstützen und eine eventuell entstehende Konvention anzuerkennen.

Wurde ebenfalls nicht angenommen. Da im nicht-öffentlichen Teil die Fraktions-Kaffeemaschine zuvor Thema war, gab es keine ausreichende Zeit für eine Debatte. Alle Versuche meinerseits, darauf hinzuweisen, sind gescheitert. Als dann (etwa 20 Minuten vor Einreichungsende von Anträge an diesem Dienstag) abgestimmt werden sollte, ob es überhaupt behandelt werden soll, habe ich aufgegeben und die Sitzung verlassen. Das alles fand im nichtöffentlichen Teil der Sitzung statt.

Mittlerweile haben die Grünen auf Bundesebene einen entsprechenden Antrag eingebracht, der so ziemlich die gleichen Forderungen aufstellt wie mein Antrag das getan hatte. Es wäre furchtbar spannend gewesen, zu sehen, wie sich die Landesgrünen positioniert hätten. Zudem ist die Chance, als Urheber dieser Idee wahrgenommen zu werden, vertan. (Wer weiß, woher die Bundesgrünen die Idee hatten.)

Zu den zwei Anträgen, die letztlich angenommen wurden, gehört ein Breitband-Antrag, den wir gemeinsam mit CDU, FDP und dem fraktionslosen Abgeordneten Robert Stein gemeinsam stellen. Dieser wurde eine Dreiviertelstunde intensiv debattiert – allerdings nicht inhaltlich, sondern ob man mit Robert gemeinsam auf einen Antrag wolle oder nicht. Kinderkacke. Im Livestream zu verfolgen (wer es sich antun will). Mir böses Blut bescherend, wie ich das denn tun könnte.

Nur ein Antrag hat es ohne großen Widerstand geschafft, angenommen zu werden: „Anhörung von Edward Snowden im Europäischen Parlament genau verfolgen und auswerten.“

Zeitgleich erlebte ich die Resonanz auf meine Anfrage zu den „Zombie“-Bügeleisen. Noch während der Fraktionssitzung gab es ein Interview mit SAT1 NRW sowie jede Menge Presseberichte (z.B. hier und – ausgesprochen fair und differenziert – hier.). Trotz des Potentials, uns nicht ernst zu nehmen, ist bei allen diesen Berichten die dahinterliegende Problematik von IT-Sicherheit speziell im Umfeld von Regierungen gut rausgekommen. Und das alles fest mit den Piraten verknüpft. Ein absoluter Win. Möchte man meinen.

Ich bekam allerdings jede Menge Gegenwind. Ausschließlich von Piraten. Meiner Motivation ist das nicht sonderlich zuträglich. Könnt Ihr das verstehen?

Ich empfinde einen Konformitätszwang, dem wir uns selbst gegenseitig aussetzen. Niemand soll vorspurten oder Initiativen entwickeln, die nicht von allen zuvor abgesegnet sind. Ja nicht negativ auffallen, keine Aktionen machen, die einen Showeffekt enthalten. Aus Angst, irgendwo eine offene Flanke zu hinterlassen ist man streckenweise extrem vorsichtig. Ich fühle an manchen Stellen etwas wenig Vertrauen untereinander. Wir bremsen uns gegenseitig. Dabei bedeutet „einfach mal machen“ auch „machen lassen“. Wir erledigen unsere Arbeit im Hamsterrad des Tagesbetriebs und sind uns gegenseitig die strengsten Kritiker.

Versuche, provokant zu sein, finden keine Mehrheit. Das wird dann schon mal als populistische Kackscheiße abqualifiziert, oder als Show-Antrag, als Problem für unsere Glaubwürdigkeit. Dabei wird nicht erkannt, dass gezielte „Show-Elemente“, manch populistisch zugespitzte Aktion die Chance bietet, unsere Themen zu platzieren und mit uns Piraten in den Medien zu verknüpfen. Wir sind Opposition, aber wir verhalten uns wie ein Teil der Regierung. Eine Flut von Pressemitteilungen und sterbenslangweilige Plenarreden werden das jedenfalls nicht leisten.

Was will ich jetzt mit diesem Blogpost erreichen? Ich weiß es nicht. Vielleicht muss ich es einfach nur loswerden. Vielleicht bin ich nur dünnhäutig. Vielleicht ist es verletzte Eitelkeit.

Fairerweise will ich mitteilen, dass einige Fraktionskollegen ähnlich konsterniert sind wie ich. Und seitens der Fraktionsmitarbeiter und der Piraten im Land habe ich sehr viel Zuspruch erhalten. Danke dafür, das bedeutet mir sehr viel.

17623 Leser.

7 Gedanken zu „Drei parlamentarische Anträge, die die Fraktion nicht wollte.

  • 12. Dezember 2013 um 14:35
    Permalink

    Lieber Daniel,

    dieser Bliogpost ist nichts weniger als das Eingeständnis des eigenen Scheiterns. Dies gilt zumindest für den Fraktions- bzw. für den Parlamentsteil deiner politischen Arbeit.

    Nach 1,5 Jahren Zusammenarbeit in einer Farktion schwankst du zwischen Selbstmitleid, Rechtfertigung, Trotz und Anklage. Das mag in eine Tagebuch einer 16-jährigen gerade noch akzeptabel sein, eines MdL ist es unwürdig.

    Ferner ist es ein Schlag ins Gesicht deiner Kollegen, die ihren Unmut über demokratisch getroffene Entscheidungen nicht in „privaten“ Blogposts verarbeiten, sondern mittragen. Das ist nicht nur unkollegial, das ist peinlich.

    Mir scheint, du bist dir selbst nicht sicher, ob du in dieser Fraktion und/oder politischen Konstellation weiterhin bestehen kannst.

    Bald sind einige Tage Ruhe. Besinne dich und arbeite danach im Sinne deiner Überzeugung, aber auch unter Berücksichtigung deines Piraten-/ Wählerauftrags weiter. Oder nicht.

    Antwort
    • 12. Dezember 2013 um 18:58
      Permalink

      Nehme ich zur Kenntnis. Ich möchte und werde meinen Auftrag erfüllen. Transparenz gehört aber auch zum Geschäft. Und die Sache mit den „persönlichen“ Blogposts ist bei Piraten nichts Neues. Im Gegensatz zu anderen Politikern bestehe ich nicht aus Teflon, sondern bin ein Mensch. Ob ich gescheitert bin, mögen andere bewerten.

      Antwort
  • 26. Dezember 2013 um 12:20
    Permalink

    Auch „ieber“ rost ocker Puppensocke (oder Suppenpocke?) Bertram Wigbold, bereits von der Wahl des Nicks her ein aktionsscheuender und verbehandlungsorientierter Daheimbleiber, du versuchst dich hier argumentfrei als Magister der Weltweisheit und der sieben Künste mit einem Säckle voller Fragezeichle wie ein „listiger Zwerg“ (oder „das teuflische Gehirn“, siehe WikiPe) an denen, die die Klinge führen – ob das dann reicht, für einen „Vitalienbruder“?
    Verhandler (wie der echte Bertram Wigbold) – ja, aber als Schmäher eines erklärten weil erklärbaren offenen (das ist etwa sowas wie transparent) Streitfalles dann offene Vorwürfe tätigen, die nicht anders möglich sind, als sich damit selbst dem geschmähten gleichen Vorwurf preiszugeben – das ist dümmlich und durchschaubar:
    Du hast Schiß davor, daß geübte Transparenz innere Mehrheiten zu deinen Ungunsten entblößen könnte, aber das war alles schon einmal – ich darf an einen Herrn Peukert (u.a.) erinnern.
    „Mir scheint, du bist dir selbst nicht sicher, ob du in dieser Fraktion und/oder politischen Konstellation“ überhaupt eine Ahnung hast, was EIN (DER) Vitalienbruder wie „Bertram Wigbold“ einzubringen hat un d ob dir diese altväterliche Unterlehrerbelehrung eines aktiven Amtsträgers in der hier erfolgten Form zum einen zusteht und zum anderen tatsächlich gelungen ist.
    „Bald sind einige Tage Ruhe. Besinne dich“ auf den echten „Bertram Wigbold“, „und arbeite danach im Sinne“ seiner Überzeugung, aber auch unter Berücksichtigung dessen piratesken Vitalienauftrags weiter. „Oder nicht.“
    Piratesk war dein Auftritt hier wohl nicht, der vom netnrd wohl sehr – nimm dir ein Beispiel und denke nach, was ein „Bertram Wigbold“ zur „inneren Öffnung“ (denn das war das hier!) des netnrd wohl angestellt hätte, besser wo er sich hingestzellt hätte, verhandlungsstark mit dem Inhalt von Argument anstatt Schmähung der Form, als Vitalienbruder …

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.